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Quelle:
Mit freundlicher Genehmigung der Nährstoffakademie Salzburg:
Mag. Norbert Fuchs, Prof. Dr. Detlef Thilo-Körner, Doz. Dr. Bodo
Kuklinski
Der „Säure-Basen-Haushalt“ als Zankapfel der
Ernährungsmedizin
Die Nährstoff-Akademie Salzburg hat sich in den vergangenen
zwei Jahren als Informationsplattform etabliert, die Fragen der
Angewandten Ernährungsmedizin kritisch durchleuchtet und
entsprechend an ÄrztInnen oder ApothekerInnen , aber auch an
KonsumentInnen kommuniziert.
Die jüngst in der Öffentlichkeit sehr emotionell diskutierte
Debatte um den „Säure-Basen-Haushalt“ beschäftigte auch den
Wissenschaftlichen Beirat der Nährstoff Akademie Salzburg, der
sich aus mehr als 20 ExpertInnen aus verschiedenen europäischen
Ländern zusammensetzt. Um die Diskussion in eine
wissenschaftlich orientierte und fachliche Richtung zu lenken,
sollten folgende Überlegungen miteinbezogen werden.
Der akademische Streit um Begriffe:
Verfolgt man den Streit der Gelehrten um die
Säuren-Basen-Thematik ohne Emotionen, fällt rasch auf, dass es
häufig weniger um Inhalte, als um akademische
Begriffsdefinitionen geht: So ist für ChemikerInnen bereits die
medizinische Bezeichnung „Acidose“ falsch besetzt, da eine
Blut-Acidose mit einem pH-Wert von 7,1 nach chemischer
Begriffsdefinition eigentlich einen alkalischen Wert darstellt.
Die klassische Medizin wiederum hat ihrerseits den Terminus „Acidose“
gedanklich bereits besetzt und als respiratorische bzw.
metabolische Acidose des Blutes ebenso klar definiert.
So ist es nicht verwunderlich, wenn nun ein neuer Begriff wie
die „latente Bindegewebsacidose“ in Fachkreisen häufig auf
Widerstand stößt, noch dazu, wenn sich das Problem der
Bindegewebs-Übersäuerung letztlich sehr viel komplexer
darstellt, als es die einschränkende und vereinfachende
Bezeichnung ausdrückt. F.F. Sander definierte diesen Begriff als
Zustand, bei dem die basischen Pufferreserven im Blut schon
teilweise verbraucht wurden, es aber noch nicht zu einer
pH-Wert-Veränderung gekommen ist. Körpereigene Reserven werden
angegriffen und Mineralsalze, die in Knochen, Knorpeln und
Zähnen eingelagert waren, werden geplündert.
Zur Geschichte:
Die akademische Diskussion des Themas „Säuren-Basen-Haushalt“
hat mittlerweile eine beinahe hundertjährige Geschichte. Der
österreichische Arzt Dr. FX Mayr begründete Anfang des 20.
Jahrhunderts seine therapeutischen Erfolge mit der Hypothese,
den säureverschlackten Organismus seiner PatientInnen durch
Fastenkuren und Zufuhr von Basenpulvern zu „entgiften“. Einen
ähnlichen hypothetischen Ansatz verfolgte der Skandinavier
Ragnar Berg, dessen Basenmischungen im Gegensatz zu jenen Mayrs
allerdings nicht nur Calcium-, Kalium-, Magnesium- und
Natrium-Salze enthielten, sondern eine Reihe weiterer
Mineralstoffe und Spurenelemente. 1953 verfasste der schon
zitierte F. F. Sander das Buch „Der Säure-Basen-Haushalt des
menschlichen Organismus“. Es handelt sich dabei um eine für die
damalige Zeit äußerst präzise und schlüssige Darstellung des
Themas aus biochemischer, physiologischer und klinischer Sicht.
1) Ein gutes Jahrzehnt später gründete der Wiener Histologe
Prof. Alfred Pischinger einen Arbeitskreis, der sich mit der (patho)physiologischen
Rolle des Bindegewebes intensiver beschäftigte. Pischinger
erkannte im Wesen des Bindegewebes die Funktion einer
Transmittersubstanz für den interzellulären Stoffaustausch und
die interzelluläre Signal-Übertragung.2) Pischinger zog aus
seinen Forschungsergebnissen die Conclusio, dass das Bindegewebe
als phylogenetisch älteres Gewebe in scheinbar primitiver,
letztlich aber hierarchisch übergeordneter Art den zellulären
Stoffwechsel (mit)bestimmt. Pischinger prägte damals auch den
Begriff der Bindegewebsmatrix und sprach von Bindegewebsorgan,
um damit die histologische und physiologische Einheit des
Bindegewebes auszudrücken. Die Grundlagenforschungen Pischingers
wurden auf klinischer Ebene von Ärzten wie Perger und Wendt
umgesetzt. Jahrzehnte später durch Hartmut Heine an der
Universität Witten Herdecke durch intensive Forschungsarbeiten
erweitert.3), 4), 5) Daneben arbeiten bis zum heutigen Tage
niedergelassene Ärzte wie Stossier, Witasek oder Worlitschek
nach den Prinzipien der Säuren-Basen-Theorie.6), 7),8),9)
Die pH-Veränderung als Ausdruck eines entgleisten
Stoffwechsels:
Der pH-Wert als negativer dekadischer Logarithmus der
Wasserstoffionen-Konzentration ist ein Zahlenwert, der
ausdrückt, wie sauer - oder alkalisch - sich ein wässriges
Milieu darstellt. In komplexen biologischen Systemen wie im Blut
ist der pH-Wert letztlich ein numerischer Ausdruck. Er beziffert
das Resultat aus dem Zusammenspiel verschiedener Puffersysteme.
Diese finden wir auf intra- und extrazellulärer Ebene, ebenso
wie auf organischer (Lungen, Nieren) Ebene. Diese Puffersysteme
stehen in einem sensiblen, kybernetischen Abhängigkeitssystem
zueinander.
Die respiratorisch oder metabolisch verursachte
„Übersäuerung“ - ChemikerInnen mögen uns den Ausdruck verzeihen
– ist eine Entgleisung dieses Gleichgewichtes und zeigt
MedizinerInnen einen lebensbedrohlichen Zustand an.
Bezeichnenderweise ist die medizinische Erstmaßnahme zur
Stabilisierung dieses entgleisten Zustandes die Infusion
basischen Bicarbonates - oder anderer basischer Verbindungen.
Dadurch steigt der pH-Wert. Es handelt sich also letztlich um
eine rein chemische Maßnahme, um die pH zu korrigieren. Wenn nun
Intensiv-MedizinerInnen als lebensrettende Maßnahme einen (bio)chemischen
Therapieschritt setzen, so tun sie dies, um über gezielte Zufuhr
von Natrium-Bicarbonat die Acidose abzufedern und die
Bicarbonat-Puffersysteme zu stärken.
Wenn sich nun gesunde Menschen mit Lebensmitteln ernähren,
die hohe Anteile an organisch gebundenen Elektrolyten (also
Bicarbonate, Malate, Glukonate …) enthalten, so praktizieren sie
im täglichen Alltag nichts anderes als die
Intensiv-MedizinerInnen: sie füllen die basischen
Pufferkapazitäten des Körpers auf. Ebenso könnte man die
Einnahme der Basenpulver der älteren Generation, in denen keine
weiteren Mineralstoffe und Spurenelemente enthalten sind, sehen,
nämlich als gezielte alimentäre Versorgung basischer
Puffersysteme.
Quelle der Übersäuerung ist die Zelle:
Betrachtet man die ursächliche Entstehung metabolischer
Acidosen aus geographischer und chronologischer Sicht, ist es
unvermeidbar, den Blick in das Zellinnere zu richten. Die
intermediären Metaboliten des Zellstoffwechsels sind überwiegend
saurer Natur. Wenngleich sie auch als basische, gelöste Salze
vorliegen: Malat, Citrat, Isocitrat, Oxoglutarat, Fumarat,
Laktat und Urat, um nur einige zu nennen. Diese überwiegend
sauren Metaboltien werden durch entsprechende enzymatische
Leistungen letztlich zu ATP verbrannt, also in Energie
umgewandelt.
Bei einem Anstieg von Stoffwechselsäuren, kommt es jedoch zu
einer enzymatischen Überforderung, die ihren Ausdruck etwa als
Hyperurikämie oder Laktatacidose findet.10) Der chronologische
und geographische Ursprung metabolischer Acidosen ist also die
Zelle, auch wenn wir die Acidosen außerhalb der Zelle, nämlich
im Blut, messen.
Nachdem der aktuelle biochemische Wissensstand im Vergleich
zur Ära Mayrs oder Pischingers erfreulicherweise zugenommen hat,
wissen wir heute, dass bereits latente Vitamindefizite die
intrazelluläre Enzymkapazität progressiv einschränken.11), 12)
Vitamine und Spurenelemente sind meist Co-Faktoren unserer
Zellenzyme. Sie üben also quasi die Funktion zellulärer
Werkzeuge aus. Ein Defizit an Zellwerkzeugen senkt die
enzymatische Leistungsfähigkeit und führt in der Folge zu einem
Anstieg an zellulären Säuren. Diese zellulären Säuren werden in
die Zwischenräume der Körpergewebe und Organe und auch in das
Blut abgesondert und dort üblicherweise von den Puffer-Systemen
(Proteoglykane und Glukosaminoglykane des Bindegewebes,
Hämoglobinat-, Phosphat-, Bicarbonat-Puffer…) abgefedert.
Wenn nun ein gesunder Mensch täglich Obst, Gemüse, Kartoffeln
und Vollkorn-Produkte konsumiert, so unterstützt er einen
ausgeglichenen Säuren-Basen-Haushalt in seinem Körper auf
zweierlei Weise: Erstens vermindert er durch Zufuhr von
„Zellwerkzeugen“, also Vitaminen, Spurenelementen, den
intrazellulären Ausstoß zellulärer Säuren, da die Enzymleistung
optimal unterstützt wird. Zweitens stärkt er – wie bereits oben
erwähnt – durch Zufuhr basischer Elektrolyte die
Pufferkapazitäten seines Organismus. Dasselbe Ziel wird durch
die Verwendung von Basenpulvern der zweiten Generation verfolgt,
nämlich den intrazellulären Säure-Ausstoß auf physiologische
Weise zu reduzieren und die Puffersysteme zu stärken. In diesen
Basenpulvern der zweiten Generation finden sich neben basischen
Elektrolyten auch noch Vitamine und Spurenelemente.
Die besondere Rolle des Bindegewebes:
Das Bindegewebe, das jede einzelne unserer Körperzellen als
einheitliches Organ umgibt, ist – nach Erkenntnissen des
Histologen Pischinger – jene Transmittersubstanz, die jeder
Nährstoff, jedes Sauerstoff-Molekül auf dem Weg in die Zelle
passieren muss, um intrazellulär verfügbar zu sein. Umgekehrt
ist das Bindegewebe aber auch Depot für Stoffwechselmetaboliten
aller Art. Histochemisch gesehen, besteht das Bindegewebe aus
Proteoglykanen und Glukosaminoglykanen (Eiweiß-Kohlenhdrat-Verbindungen)
mit wechselndem Anteil an Kohlenhydraten.
Je größer der Kohlenhydratanteil des Bindegewebes ist, umso
größer ist die Anzahl an freien OH-Gruppen. Diese OH-Gruppen
sind einerseits von Hydratationshüllen umgeben (Kolloid-Struktur
des Bindegewebes), andererseits fungieren sie als Zwischendepot
für saure Metaboliten aus dem intrazellulären Stoffwechsel.2),
5) Aus der Histochemie des Bindegewebes ist nur logisch und
verständlich, dass die Pufferkapazität für Zellsäuren mit der
Anzahl der OH-Gruppen korreliert. Dies heißt, je höher der
Aminosäure-Anteil - also je niedriger der Kohlenhydrat-Anteil -
des Bindegewebes ist, umso geringer ist die Kapazität,
anfallende Stoffwechselsäuren abzupuffern. Aus dieser
histochemischen Sicht heraus kam Lothar Wendt zu dem Schluss,
dass eine überproportionale Zufuhr von Nahrungseiweiß die
Pufferkapazitäten des Bindegewebes sukzessive reduziert. Ohne
also direkt den pH-Wert des Interstitiums (bzw. der
interstitiellen Flüssigkeit) zu beeinflussen, hat somit der
prozentuelle Gewichtsanteil von Eiweißen, Kohlenhydraten und
Fetten sehr wohl einen Einfluss auf die Kapazität des
Bindegewebes, Stoffwechselsäuren zwischenzulagern.
Die basische Pufferkapazität ist messbar:
Die labordiagnostische Bestimmung punktueller Parameter, dazu
zählt der pH-Wert, oder das Reduktionspotenzial, genauso wie
auch z.B. die Temperaturmessung ist nichts anderes als ein
momentaner Ausdruck zahlreicher voneinander abhängiger
Regelsysteme. Letztlich geben diese punktuellen Daten keine
Information über das, was „hinter den Kulissen“ läuft.
So weisen chemisch definierte, analytisch reine Vitamine für
sich als Antioxidantien klar bestimmbare, sogenannte
„Reduktionspotenziale“ auf. Liegen Vitamine jedoch in Form von
Vitamin-Kombinationen oder natürlichen Vitamin-Komplexen vor,
lässt sich nur mehr die sogenannte „Reduktionskapazität“ messen.
Ähnlich verhält es sich mit dem pH-Wert und der sogenannten
Basen-Pufferkapazität in biologischen Systemen. Während also die
pH-Werte des Blutes, des interstitiellen Raumes, des Zellinneren
und sogar von intrazellulären Organellen als punktuelle Werte
messbar sind, geben sie dennoch keine Auskunft über die Menge an
Säuren, die diese Systeme aufnehmen könnten, bis sie brechen
würden. Bereits Sander versuchte Mitte der 50er-Jahre des
vorigen Jahrhunderts, die Pufferkapazität des humanen Organismus
zu eruieren. Er hatte den Harn, der zu verschiedenen Tageszeiten
entnommen wurde, nasschemisch gegen Säure bzw. Basen titrierte
und die Umschlagwerte auf einem empirisch erstellten Diagramm
eingetragen. Sander nannte diesen Wert „Aciditätsquotient“. Vor
etwa zwei Jahrzehnten entwickelte A. Jörgensen eine Methode, die
„Basenpufferkapazität“ aus dem Vollblut festzustellen, indem er
frisch entnommenes Vollblut gegen Säuren und Basen titrierte.
Obwohl beide Messmethoden weder validiert sind, noch Eingang
gefunden haben in die tägliche medizinische Praxis, werden sie
von renommierten MedizinerInnen und Labors bis zum heutigen Tage
angewendet. Doz. Dr. Bodo Kuklinski weist auch darauf hin, dass
eine Übersäuerung meist auch mit intrazellulären Defiziten an
Kalium und Magnesium korrelieren. Kuklinski weist darauf hin,
dass mit zunehmenden Alter sowohl die Kalium-, als auch die
Magnesiumwerte intrazellulär um bis zu 80% erniedrigt sein
können.
Schlussfolgerung:
Der „Säuren-Basen-Haushalt“ wird alimentär sehr wesentlich
vom täglichen Anteil an Proteinen, Kohlenhydraten, Fetten und
Mikronährstoffen beeinflusst. Den „Säuren-Basen-Haushalt“
ausschließlich über pH-Messungen oder über die Regelkreise der
diversen Puffersysteme zu betrachten, zeichnet aus
physiologischer Sicht nur einen Teilaspekt der komplexen
Thematik. Letztlich aber ist auch die Bezeichnung
„Säuren-Basen-Haushalt“ eine sehr einschränkende und gibt daher
durchaus berechtigten Anlass zu wiederkehrenden Diskussionen.
(Mag. Norbert Fuchs, Prof. Dr. Detlef Thilo-Körner, Doz. Dr.
Bodo Kuklinski)
Kontakt:
Nährstoff-Akademie Salzburg
Geschäftsführung
Salzachtalbundesstr. 9
5081 - Anif
fon 06246 - 73003 20 fax 11
mg@naehrstoff-akademie.com
Quellen:
1) F. F. Sander: Der Säure-Basen-Haushalt des menschlichen
Organismus und sein Zusammenspiel mit dem Kochsalzkreislauf und
Leberrhythmus, Hippokrates Verlag Stuttgart, 2. Auflage, 1985
2) Pischinger: Das System der Grundregulation, Karl F. Haug
Verlag, 8. Auflage, 1990
3) F. Perger: Kompendium der Regulationspathologie und –therapie,
Johannes Sonntag, 1990
4) L. Wendt: Die Eiweißspeicherkrankheiten, Karl F. Haug Verlag,
2. Auflage, 1987
5) H. Heine: Lehrbuch der biologischen Medizin, Hippokrates
Verlag Stuttgart, 2. Auflage, 1997
6) H. Stossier: Die Bedeutung des Säure-Basenhaushaltes für den
Knochenstoffwechsel, Curriculum oncologicum 04: 154-163, 1996.
7) A. Witasek et al.: Einflüsse von basischen Mineralsalzen auf
den menschlichen Organismus unter standardisierten
Ernährungsbedingungen, Erfahrungsheilkunde 8: 477-489, 1996
8) M. Worlitschek: Die Praxis des Säure-Basen-Haushaltes, Karl
F. Haug Verlag, 5. Auflage, 1995
9) M. Worlitschek: Original Säure-Basen-Haushalt, Karl F. Haug
Verlag, 3. Auflage, 2000
10) K.-R. Geiss: Handbuch Sportler Ernährung, Rowohlt Verlag,
1992
11) K. -H. Bässler: Vitamin-Lexikon, Urban & Fischer Verlag, 3.
Auflage, 2002
12) W. Bayer: Vitamine in Prävention und Therapie, Hippokrates
Verlag Stuttgart, 1991
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